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Ein echter Bergfex |
| Ein echter Bergfex |
WEISSENBURG – In den Alpen gibt es kaum einen Berg, den Martin Lindenberger nicht schon bezwungen hätte: Zugspitze, Mont Blanc, Matterhorn, Ortler, Piz Buin oder Palü – aus Europas höchsten Dächern kennt der Weißenburger, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, so gut wie jedes Gipfelkreuz. Den Elbrus – mit 5636 Metern höchster Berg Europas – hat Lindenberger bestiegen, obwohl er schlechte Erinnerungen an die Region hatte. «Ich wollte da noch mal hin – im Frieden.»
Sein erster Besuch dort hätte ihm fast das Leben gekostet, denn als Gebirgsjäger war er beim Rückzug aus dem Kaukasus im August 1943 schwer verwundet worden. Der damals 19-Jährige wurde mit dem Lazarettflugzeug nach Krakau und Meißen gebracht, doch operieren wollten ihn die Ärzte damals nicht. Die russische Kugel saß zu nahe an der Hauptschlagader. Der schwer verletzte Soldat kam in die Heimat und kurierte sich im Lazarett am Weißenburger Nussbaum einigermaßen aus – bis ein SS-Offizier 1944 alle Männer, die noch ein Gewehr halten konnten, zurück an die Front schickte.
Lindenberger kam ins Aosta-Tal und sollte mit den italienischen Alpini den amerikanischen Vormarsch aus Frankreich stoppen. Er wurde gefangen genommen und traf im Lager Brescia etliche Weißenburger. «Einige von ihnen sind nicht mehr heimgekommen», blickt Lindenberger zurück. Angesichts seiner schweren Verwundung wurde er von den US-Truppen gleich nach Kriegsende in die Heimat entlassen. Dort sollte ihm in der Pappenheimer Lungenheilstätte die Kugel entfernt werden, doch das Risiko war zu groß. «Bub, sterben kannst auch daheim, sagte der Vater, mehr Hoffnung machte ihm der Arzt: Sollte sich die Kugel einen guten Weg suchen und verkapseln, «können sie 100 Jahre alt werden», erinnert sich Lindenberger an den Ausspruch des Mediziners.
Einen Großteil davon hat der Weißenburger bereits geschafft. An die noch immer vorhandene Kugel in der Lunge hat der begeisterte Kletterer und Bergsteiger selten gedacht. Zu groß waren die Sehnsucht nach den Gipfeln, die Kameradschaft in der Wand und die fernen Länder. Heimlich machte Lindenberger nach seiner Genesung die ersten Klimmzüge an den Kletterfelsen in Konstein, die er schon als 15-Jähriger erklommen hatte. Bald ging es in die Alpen und mit dem DAV (Lindenberger ist Wiedergründungsmitglied des Alpenvereins) auf unzählige Touren. Dann stieß der Weißenburger, der beim Arbeitsamt eine eher wenig abenteuerliche Anstellung hatte, zur legendären Oberreintal-Gruppe um Ludwig Gramminger, Franzi Fischer, Martin Schißler, Otto Eidenschink und den Eiger-Bezwinger Anderl Heckmair. «Die nahmen mich dann als Jüngsten immer mit auf die Touren.»
Die Anreisen zu den Bergtouren waren weitaus unbequemer als heute, ja manchmal sogar die Herausforderung selbst. 1953 radelte Lindenberger mit einem alten Fahrrad und seinem Kameraden Günter Hassold über «Schotterstraßen mit unzähligen Schlaglöchern» (Lindenberger) in die Dolomiten, um nach den Strapazen noch die «Hohe Zinne» und ein paar Tage später die Marmolada zu besteigen.
Viele Jahre war Lindenberger mit seinem Kameraden und Kletterfreunden in den Alpen unterwegs, bevor 1978 eine Reise zu den drei mächtigen Vulkanbergen Mexikos das Interesse für fremde Kulturen und Berge weckte. In den vergangenen 30 Jahren hat der Weißenburger 65 Länder außerhalb Europas und die Menschen dort kennengelernt. Bei zwei Trips nach Nepal umrundete er den Mount Everest und setzte am «Thorong Peak» mit 6250 Metern seine persönliche «Höhenmarke». Es folgten Tibet, Ecuador, Peru, Bolivien, Patagonien, Marokko, Ruanda, Tansania mit Besteigung des Kilimandscharo, Australien, Borneo, Russland, Neuguinea, China, Kanada, Alaska und viele andere Regionen rund um den Globus.
Das Geld für die schon damals teuren Reisen sparte sich Lindenberger hart zusammen. Für eine Handvoll der mehrwöchigen Touren, die er meist mit den Veranstaltern DAV-Summit-Club oder Hauser-Expeditionen un-ternahm, hätte der Weißenburger sich auch einen Mercedes kaufen können. «Das war mir nie wichtig», blickt Lindenberger auf seine Fotos, die 38 dicke Alben füllen. Für ihn zählen die Erinnerungen und Eindrücke, die er bei fremden Völkern auf Borneo oder bei den Tuareg in Nordafrika mitgenommen hat. «Bei den Tuareg waren wir sogar zum großen Fest geladen», gerät der 85-Jährige noch heute ins Schwärmen.
In der jüngeren Vergangenheit ließ es der Senior etwas ruhiger angehen. Bergtouren in große Höhen macht er seit etwa 20 Jahren nicht mehr, dafür verlegt er sich auf Trekking- und Rundreisen. «Man muss seine Grenzen kennen.» Die Vorsicht hielt ihn jedoch nicht davon ab, noch Südafrika und Ägypten an seine Länderliste anzuhängen. Konditionell war das für den betagten Globetrotter kein Problem – «ich gehe ja dreimal in der Woche ins Fitness-Studio».
Pläne für weitere große Touren hegt der Weißenburger derzeit nicht, will lieber die Menschen in der Heimat teilhaben lassen an den Eindrücken, die er sammeln durfte. Bei 650 Veranstaltungen – vom Seniorenclub bis hin zur Volkshochschule Roth – hat Lindenberger über seine verschiedenen Touren berichtet und damit für die Daheimgeblibenen das Fenster zu anderen Kulturen und Ländern geöffnet. «Es kommen ja nicht viele dahin, wo ich schon überall war.»
RAINER HEUBECK |
| 9.11.2009 16:29 MEZ |
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